Gelesene Bücher

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Max Frisch, Andorra (1961)

Andri wird so lange als Jude bezeichnet, bis er es selbst glaubt. Als ihm die Wahrheit erzählt wird, dass er der illegitime Sohn des Lehrers ist, glaubt er nicht mehr. Seine Mutter kommt ihn besuchen, wird aber von einem Andorraner erschlagen. Trotz Alibi wird Andri des Mordes bezichtigt. Schliesslich marschieren "die Schwarzen" in Andorra ein und es wird eine "Judenschau" gehalten, in der Andri als Jude identifiziert wird. Er wird getötet. Alle waschen ihre Hände in Unschuld.

Hamed Abdel-Samad, der Koran (2016)

Der Autor weist mit zahlreichen Textpassagen nach, dass der Islam sehr kontextgebunden entstanden ist und die jeweilige Lebenssituation von Muhammed widerspiegelt. Aus diesem Grund seien die Passagen, die Muhammed in Mekka beschreiben, viel friedfertiger als diejenigen in Medina, als Muhammed ein mächtiger Herrscher geworden war und seine Feinde mit Gewalt und Grausamkeit verfolgen konnte. Im Ergebnis kommt der Autor zum gleichen Schluss wie Salman Rushdie, nämlich dass der Koran im historischen Kontext ausgelegt werden müsse, um ihn zu verstehen.

Nicolas Lindt, Die Freiheit der Sternenberger (1991)

In sieben Geschichten führt uns der Autor in die Verwirrungen des Gemeinderats von Sternenberg (Die Freiheit der Sternenberger), eine Ueberschwemmung der Reuss im Kanton Uri (Eine Laune der Natur), seinen Heimatort Küsnacht (Heimatort: Küsnacht), die Geschichte des Militärflughafens Dübendorf (Das Brüllen des Himmels über Dübendorf), den kältesten Ort der Schweiz (Die Kälte von La Brévine), Rotlichtmilieu und Verbrechen entlang der Autobahn im Kanton Aargau (Tatort Aargau) und eine Reise in die Steinzeitrelikte der Cro-Magnon-Region im französischen Les Eyzies (Im Land der Vergangenheit) ein. Die Sätze sind kurz, die Sprache ungelenk-präzise. Es liest sich aber leicht und es ist unterhaltsam. Das Buch wurde anlässlich der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft mit einem Werkbeitrag unterstützt.

Ali Nesim-Sevket Oeznur, Kibris Efsaneleri - Zypern Legenden (2009)

Ohne die üblichen Vorurteile werden die verschiedenen Legenden, die sich um die verschiedenen Regionen Zyperns ranken, aus türkisch-zypriotischer Sicht erzählt. Hervorragend übersetzt auf Englisch und Deutsch im gleichen Buch. Ein wunderbares Eintauchen in alle diejenigen Orte, die ich im Sommer in Zypern besucht habe. Einen herzlichen Dank an den Autor und Eigentümer des Altun Tabya Hotels in Famagusta/Gazi Magusa, der mir das Buch mit einer Widmung geschenkt hat.

Jeannette Walls, Ein ungezähmtes Leben (2009)

Erzählt im Ich-Stil von der Enkelin Jeannette Walls. Lily Casey Smith ist eine wilde Frau, die auf einer Farm aufwächst, wilde Pferde zureiten und autofahren kann. Sie wird Lehrerin, muss aber wegen fehlender formaler Qualifikationen und Konflikten mit den Eltern immer wieder die Schulen wechseln. Schliesslich heiratet sie Jim. Die beiden betreiben eine Garage, verkaufen Moonshine, managen eine Farm und versuchen sich als einfache Lohnempfänger in Phoenix, AZ. Schliesslich ziehen sie wieder aufs Land hinaus, wo die Tochter einen wilden Piloten heiratet - den Vater der Autorin. Flüssig erzählt, interessant zu lesen, doch etwas belanglos.

Giulia Enders, Darm mit Charme (2014)

Die junge Medizinstudentin Giulia Enders hat ein unterhaltsames und leicht lesbares Buch über die Funktion des Darmes geschrieben.

Franz Kafka, Der Prozess (1914-15)

K. wacht an seinem 30. Geburtstag auf und wird "verhaftet", ohne eigentlich festgenommen zu werden. Eine nebulöse Schuld wird ihm vorgeworfen, die sich nie konkretisiert. Er muss sich durch alptraumhafte Gerichtssäle quälen und sich gegen eine Anklage, die nie ausgesprochen wird, verteidigen. Seine Arbeit leidet unter dem Prozess. Schliesslich wird er von zwei Herren abgeholt und in einem Steinbruch erstochen. Ein Buch in alptraumhaften Bildern, das ein tiefsitzendes Misstrauen des Juristen Kafka gegen das Justizsystem ausdrückt. Wohl auch heute noch völlig aktuell.

Matthias Hanke, Afrika erleben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Marokko bis zum Kap (1995)

Der Autor beschreibt in tagebuchartiger Prosa, wie er mit öffentlichen Verkehrsmitteln über Marokko, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger, Nigeria (Kano), die zentralafrikanische Republik, Zaire, Uganda, Kenia, Tanzania, Malawi, Sambia, Simbabwe nach Südafrika reist. Hausbackener Stil, jedoch packender Stoff. Unglaublich, dass diese Reise 1995 noch möglich war.

Alexander Solschenizyin, Krebsstation (1961)

Der Funktionär Rusanow kommt mit einem Geschwür am Hals in die völlig überfüllte Krebsstation, wo auch Verbannte, Angepasste, Revoluzzer und Todgeweihte behandelt werden. Während sich die Lebensgeschichten der anderen erschliessen, wird Rusanow vom Gedanken gequält, dass sich die von ihm denunzierten bei ihm rächen könnten. Die Geschichte spielt in den 1950er Jahren, kurz nach Stalins Tod. Meisterhaft geschrieben und packend zu lesen.

Alan Bradley, Flavia de Luce - Mord im Gurkenbeet (The sweetness at the bottom of the pie, 2009)

Flavia de Luce ist ein frühreifes Kind, das sich mit hochkomplexer Chemie auskennt und am liebsten Gifte mischt. Als sie im Gurkenbeet einen Sterbenden findet, macht sie sich auf die Suche nach dem Täter, insbesondere, als ihr Vater festgenommen wird. Nach allerlei Verwicklungen stellt sich heraus, dass Frank Pemberton, der angeblich über Herrensitze schreibt, in Wirklichkeit ein Komplize des Opfers Bonepenny war, der ihn auch umgebracht hatte, kommt die ganze Geschichte ans Licht: Bonepenny hatte zwei enorm wertvolle Briefmarken gestohlen und wollte Flavias Vater erpressen, sie ihm abzukaufen, denn ein Markt dafür bestand nicht. Frank Pemberton ermordete Bonepenny, um ihm die beiden Briefmarken wieder abzunehmen, fand sie aber nicht. Salopp geschrieben, der Humor geht in der Uebersetzung grösstenteils verloren.

Rachel Joyce, Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry (2012)

Harold Fry erhält einen Brief seiner ehemaligen Arbeitskollegin Queenie Hennessy, dass sie in Schottland mit Krebs im Sterben liege. Als er seinen Antwortbrief aufgeben will, läuft er beim Briefkasten einfach weiter. Er läuft durch ganz England von Kingsbridge am Aermelkanal bis nach Berwick. Auf dieser Reise lernt er die Menschen von einer anderen Seite kennen und löst sich von den Gespenstern seiner Vergangenheit, nämlich des Sohnes, der sich umgebracht hat und des Anschweigens mit seiner Ehefrau. Nach 87 Tagen erreicht er Berwick-upon-Tweed und kann Queenie gerade noch sehen, bevor sie stirbt. Die Geschichte einer Selbstfindung, flüssig erzählt und trotz der schweren Materie nicht belastend.

Didier van Cauwelaert, Hors de moi (F 2003)

Martin Harris kommt von einem Spitalaufenthalt in Paris - sein Taxi ist verunfallt - zurück und findet in seiner Wohnung einen anderen, der sich als ihn ausgibt. Auch seine Frau will ihn nicht mehr erkennen. Seinen Anzeigen bei der Polizei, bei der Botschaft, bei seinem Arbeitsplatz wird kein Glauben geschenkt, der andere erscheint glaubwürdiger als er. Mithilfe der Taxichauffeurin Muriel sucht er nach Beweisen für seine Authentizität und fängt selbst an zu zweifeln, dass er derjenige ist, den er zu sein scheint. Als schliesslich sein angeblicher Assistent aus den USA eingeflogen wird, entpuppt sich die ganze Geschichte als eine Spionageaffäre, bei der er hypnotisiert und ihm die Identität des fiktiven Biologieprofessors Martin Harris verliehen wurde. Er soll nun umgebracht werden, dreht aber den Spiess um und bringt seine Widersacher um. Mit Muriel zieht er sich auf eine Insel zurück. Die Geschichte ist spannend und flüssig geschrieben, doch am Schluss gleitet die Geschichte ins hanebüchene ab und wirkt völlig konstruiert und unlogisch.

Henning Mankell, die italienischen Schuhe (2009)

Der ehemalige Chirurg Fredrik Welin hat sich seit ihm ein Kunstfehler unterlaufen ist auf eine Schäre zurückgezogen. Mitten im Winter kommt seine ehemalige Jugendliebe Harriet Hörnfeldt zu Besuch, todkrank, von Krebs gezeichnet, und hat einen letzten Wunsch an ihn, einen Waldteich seiner Jugend zu sehen. Die beiden fahren hin und besuchen den jetzt zugefrorenen Teich. Auf dem Rückweg stellt sie ihm völlig überraschend die gemeinsame Tochter Louise vor, von deren Existenz er bisher nichts gewusst hatte. Fredrik flüchtet. Er findet aber die Kraft, das Opfer seines Kunstfehlers, Agnes zu besuchen. Agnes' Pflegekind Sima besucht Fredrik auf seiner Insel und bringt sich dort um. Auch Louise und Harriet ziehen auf seine Insel und Harriet stirbt dort. Ein Wiedersehen mit Agnes wird zur Katastrophe, weil Fredrik versucht, sie zu vergewaltigen. Schliesslich kehrt Louise auf die Insel zurück.
Eine lange Geschichte mit wenig Handlung, eigentlich die Geschichte einer Depression. Trotzdem recht flüssig zu lesen.

Nagib Machfus, Zwischen den Palästen

Die Geschichte einer unterdrückten Frau und ihrer drei Söhne und zwei Töchter. Im Hintergrund wird auf die Hypokrisie der (damaligen?) ägyptischen Lebensart hingewiesen, wo der Familienvater für sich Hurerei, Weingenuss und weitere Ausschweifungen wie selbstverständlich in Anspruch nahm, die Ehefrau aber einsperrt und ihr selbst ein einmaliges aus-dem-Haus-gehen, um die Moschee zu besuchen, nicht verzeihen kann. Ein Roman, der vor sich hinplätschert, aber auch nie langweilig erscheint.

Jorge G. Castaneda, Che Guevara, Biographie, Frankfurt am Main 1998

Eine differenzierte Biografie des Lebens und Wirkens des umstrittenen Guerillakämpfers, von seiner Jugend in Argentinien, den Studienabschluss als Arzt, die Reise durch Südamerika, die Jahre in Mexiko, den bewaffneten Kampf in Kuba, die innere Unruhe, die ihn als Minister nie los liess und schliesslich die beiden von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuche, die kubanische Revolution in den Kongo und nach Bolivien zu exportieren, wobei letztere mit seinem Tod endete.
Es überrascht die Unparteilichkeit, mit der der Autor das Leben Guevaras beurteilt, die Tiefe seiner Recherchen sowie die Authentizität seiner Quellen. Trotzdem liest sich das Buch leicht und interessant und eröffnet einem neue Aspekte über das Leben des Revolutionärs. Heute, rund 15 Jahre nach Erscheinen des Buches, wäre vielleicht noch anzufügen, dass die Entwicklung, die Guevara in Südamerika und Afrika angestossen hat, eine Eigendynamik entwickelte, die diesen Regionen nachhaltigen Schaden zugefügt hat und deren Ende nicht absehbar ist, man denke nur an die FARC in Kolumbien, den Sendero Luminoso in Peru oder die marodierenden Privatarmeen in verschiedenen afrikanischen Staaten, die sich alle an seinem Vorbild orientieren dürften.

Anonymous (Joe Klein), Mit aller Macht (primary colours, 1996)

Henry Burton ist Wahlkampfmanager bei Governor Jack Stanton (gemeint ist Bill Clinton), der Präsident der USA werden will. Der Wahlkampf dümpelt lange Zeit herum, während die Presse im nicht sehr enthalsamen Sexleben von Stanton Skandal über Skandal findet. Als Stantons stärkster Konkurrent, Professor Lawrence Harris, bei einer telefonischen Konfrontation in einer Sendung einen Herzinfarkt erleidet, schlägt Stanton ein rauher Wind entgegen. Dem Nachfolger von Harris, Fred Picker, fliegen die Herzen entgegen. In einem völlig überraschenden Ende zieht Picker zu Gunsten von Stanton zurück. Aeusserst spannend geschrieben zeigt es einen Einblick in den amerikanischen Wahlkampf, den man so nicht erwartet hätte.

Marion Gräfin Dönhoff, Namen die keiner mehr nennt, Ostpreussen - Menschen und Geschichte

Das Buch beginnt mit der Flucht der Autorin im Januar 1945 aus Ostpreussen, um den voranrückenden Russen zu entkommen. Nach dem Tagebuch eines Rittes durch Ostpreussen in den ersten Kriegsjahren wird der Bogen zur Geschichte der Familie Dönhoff gespannt, die seit 600 Jahren in Ostpreussen ansässig war und deren Stammsitz schliesslich von den Russen, mitsamt allen historischen Dokumenten, verbrannt wurde.

Martin Knobbe/Stefan Schmitz, Terrorjahr 1977, wie die RAF Deutschland veränderte (2007)

Die Geschichte der RAF, die Deutschland während rund 30 Jahren terrorisierte, wird in groben Zügen und ohne unnötige Solidaritätsbekundungen aufgezeichnet. Interessant, flüssig zu lesen, aber nicht viel mehr Informationen als was man bereits aus der Presse erfahren hat.

Nonna Bannister, Das geheime Tagebuch der Nonna Lisowskaja (2009)

Nonna's Mutter wird in eine behütete russische Familie, die noch vom Vermögen aus der Zeit vor der Revolution zehren kann, geboren. Sie heiratet sehr jung einen wahrscheinlich jüdischen Polen. Dank seiner sehr guten Stellen können sie weiterhin ein privilegiertes Leben führen. Nonna wird in diese Familie geboren. Doch als der zweite Weltkrieg kommt, werden sie von der deutschen Wehrmacht überrollt. Da bekannt ist, dass die Russen alle, die hinter die Linien geraten liquidieren, lassen sie sich als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland abtransportieren. Nonna ist da 16 Jahre alt. Auf dem Weg gerät sie in eine Exekution von jüdischen Gefangenen, überlebt diese aber wie durch ein Wunder. In Deutschland wird ihre Mutter von der Gestapo liquidiert, während sie schwer krank überlebt. Nach ihrer Genesung wandert sie in die USA aus. Für 50 Jahre bleibt das Tagebuch ihr Geheimnis; erst kurz vor ihrem Tode offenbart sie sich ihrer Familie. Recht packend, jedoch die unnötigen Kommentare des Herausgebers sind recht störend.

Stefanie Zweig, Heimkehr in die Rothschild-Allee (2012)

1941 wird Fanny Feuereisen von ihrer Tante Anna, die mit einem "arischen" Kommunisten verheiratet ist, gerettet und übersteht die Kriegsjahre unerkannt. Ihre Grossmutter Betsy Sternberg hat Theresienstadt überlebt und kehrt zurück ins zerstörte Frankfurt. Die Familie muss mit beengten Platzverhältnissen, einer vollständig zerstörten Infrastruktur und knappen Lebensmitteln auskommen. Nach einem Jahr stösst der Vater von Fanny, Dr. Fritz Feuereisen, der sich in Holland versteckt hielt, dazu. Das Buch erzählt herrlich ungelenk vor Allem von Gefühlen und dürfte sich primär an Frauen richten. Die Idee, die Nachkriegsjahre mit einem Roman zu thematisieren, ist prima, die Umsetzung finde ich aber nicht optimal.

Gabriel García Márquez, die Liebe in den Zeiten der Cholera

Florentino Ariza verliebt sich als junger Mann in Cartagena, Kolumbien, in Fermina Daza, die einen anderen heiratet. Ein ganzes Leben lang wartet er auf sie und füllt die Leere mit zahlreichen Liebschaften, die ihm nichts bedeuten. Erst nach 51 Jahren finden sich die beiden. Die Geschichte einer grossen Liebe, sehr anschaulich erzählt, mit teils schockierenden Nebenhandlungen wie der einen Geliebten von Florentino Ariza, die von ihrem eifersüchtigen Ehemann ermordet wird oder der vierzehnjährigen Nichte, mit der Florentino Ariza im Alter von 76 Jahren regelmässig schläft und die sich nach dem Ende der Beziehung umbringt. Grosse südamerikanische Literatur.

Stieg Larsson, Vergebung, 2007

Lisbeth Salander wird in einer unübersichtlichen Situation mit drei Einschüssen fast tot gefunden. Sie wird des Mordes und Mordversuches angeklagt. Im Verlauf der Untersuchung findet Mikael Blomkvist heraus, dass innerhalb der Sicherheitspolizei eine illegale Sektion bestand, deren Zweck darin bestand, den übergelaufenen russischen Spion Alexander Zalatschenko zu schützen. Der Gerichtstermin endet in einem riesigen Skandal, als herauskommt dass der berühmte Psychiater Dr. Teleborian Lisbeth Salander mittels eines gefälschten Gutachtens ins Irrenhaus gebracht hatte und mittels eines weiteren wieder dorthin bringen will. In einer Schlussabrechnung hetzt sie den brutalen Svavelsjö MC auf ihren Halbbruder Niedermann, so dass sich die beiden gegenseitig eliminieren. Spannende Unterhaltung mit vielen technischen Details, von denen einige beim genaueren Hinsehen unglaubwürdig oder sogar ausgeschlossen sind.

Carsten Janz, Beinhart, in 3300 Tagen mit dem Fahrrad um die Welt (2012)

Der Autor beschreibt recht ehrlich und manchmal auch etwas ungelenk seine Reise um die Welt, die insofern unkonventionell war, als er die Reise mehrere Male unterbrochen hat und in Afrika eine Zeitlang mit einer Frau, die mit dem öffentlichen Verkehr nachreiste, unterwegs war. Viele der Orte, die er beschreibt, habe ich auf ähnliche Art und Weise kennengelernt. Das Buch war unterhaltsam und ich habe es in kürzester Zeit fertiggelesen.

Andreas Altmann, Gebrauchsanweisung fuer die Welt (2012)

Der Autor ist ein weitgereister Journalist mit einer sehr ungewoehnlichen Biografie. Er erzaehlt humoristisch und unterhaltend davon, wie er sich bei seinen zahlreichen Reisen in der Welt zurechtgefunden hat. Manchmal erfaehrt man etwas mehr, als man wirklich wissen wollte. Dass dem Buch der rote Faden fehlt, war wohl so beabsichtigt.

Marianne Friedriksson, Simon (1985)

Ein Junge, dessen Vater Jude ist, wird Ende Dreissiger Jahre von schwedischen Eltern adoptiert und wird - zusammen mit seinem ganz jüdischen Freund Isak - erwachsen. Isak wird Bootsbauer, während Simon in Frühgeschichte doktoriert. Eine Lebensgeschichte, manchmal verwirrlich erzählt, die das Verhältnis zwischen Simon und seiner Stiefmutter Karin beleuchten soll. Na ja, eher etwa für Frauen.

Stendhal, Rot und Schwarz (1831)

Julien Sorel, ungeliebter Sohn eines Zimmermanns, ist hochbegabt. Schon in jungen Jahren kann er das ganze neue Testament auswendig. So erhält er eine Stelle als Privatlehrer bei der Familie de Rênal. Mit der zehn Jahre älteren Frau de Rênal fängt er ein leidenschaftliches Verhältnis an. Als das Verhältnis zum Dorfgespräch wird, verlässt er Verrières und beginnt ein Studium im Priesterseminar von Besançon. Der jansenistische Rektor Abbé Pirard, der ihm wohlgesinnt ist, verschafft ihm eine Stelle als Privatsekretär bei Herrn De la Mole, einem hochrangigen adligen Politiker in Paris. Julien verliebt sich in die Tochter des Hauses, Mathilde, was von ihr auch erwidert wird. Zweimal schlafen die beiden miteinander, dann wendet sie sich von ihm ab und er muss sie zurückerobern. Als es auskommt, dass Mathilde schwanger ist, ist Herr de la Mole ausser sich vor Wut. Heimlich heiraten die beiden. Selbst als es erscheint, dass sich de la Mole mit der Situation abgefunden hat, zieht er weitere Erkundigungen ein. Da erreicht ihn ein Brief von Frau de Rênal, in der diese ihr Verhältnis mit Julien preisgibt. Julien reist nach Verrières und schiesst zweimal auf Frau de Rênal, wobei sie nur leicht verletzt wird. Er wird festgenommen, wegen versuchten Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt. Der Schreibstil dieses Romans ist für das Jahr 1831 ausserordentlich realistisch und nimmt spätere Entwicklungen vorweg. Ein treues Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse während des Wandels von der Aristokratie zum Grossbürgertum.

Artur Heye, Amazonasfahrt (1950)

Artur Heye reist ca. 1927 mit seiner jungen Frau als Teil einer Filmcrew nach Belem in Brasilien, um im Urwald zu filmen. Das Klima im Team wird immer schlechter, bis es auseinanderbricht und Heye eine Anstellung als Film-Coach bei einem reichen Estancia-Besitzer auf Marajo findet. Eine spannendes Abenteuer-Tagebuch aus einer vergangenen Zeit.

Stieg Larsson, Verblendung (2003)

Der Journalist Mikael Blomqvist, der soeben wegen Verleumdung zu einer hohen Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt worden ist, erhaelt von einem Industriellen ein Angebot, fuer diesen den Verbleib der Nichte zu recherchieren. Im Verlauf der Ermittlungen trifft er auf Lisbeth Salander, die zwei werden ein Team und ein Liebespaar. Sie finden heraus, dass der Bruder der Vermissten ein Massenmoerder ist und die Nichte unter anderem Namen in Australien lebt. Beim Lesen des ganz spannenden Buches bleibt nicht ganz verborgen, dass der Autor ein gluehender Kommunist und Nazijaeger war.

Lars Niedereichholz, Unknorke (2008)

Marc tritt nach seinem Studienabschluss als Oekonom als AssistentIn in die alternative AMÖB-Bank ein. Die Organisation der Veranstaltung TRÖG, die ihm obliegt, wird zu einer Katastrophe. Er wird gefeuert, erpresst den Geschäftsführer der Bank mit seinem Insider-Wissen über faule Kredite und flieht nach Australien, während die Bank in den Konkurs geht. Lustig und flüssig geschrieben. Eine unglaublich präzise recherchierte und deshalb so lebensechte Parodie auf die links-grüne Szene.

Michael Moore, Stupid White Men (2002)

Eine bitterböse Abrechnung aus einer linksaussen-Position mit den politischen Verhältnissen in den USA, zuallererst mit seinem Lieblingsfeind, George W. Bush, dann aber auch mit den Demokraten, die seiner Meinung nach ihre eigenen Werte verraten haben (republikanisiert worden sind...). Auf Seite 99 äussert er sich in merkwürdiger Weise zum Verhältnis der Weissen zu den Schwarzen. Handfeste politische Bekenntnisse gemischt mit reinem Nonsense machen es unterhaltsam zum Lesen. Der Autor stellt sich allerdings als ziemlich naiv dar, weil viele seiner Statements emotional und wenig fundiert sind.

Lukas Hartmann, Die letzte Nacht der alten Zeit (2009)

Im Jahre 1798 sind drei Menschen sind auf der Flucht vor den französischen Truppen in der Schweiz: Der ehemalige Schultheiss Steiger, sein Adjutant Dubi und die Magd Maria. Kurzweilige, historisch korrekte, aber recht leichte Lektüre.

Leo Müller, Ackermanns Welt (2006)

Portrait von Josef Ackermann, von seinen Anfängen in Mels bis zu seinem Amt als Vorstandsvoritzender der Deutschen Bank. Das Buch weist einige Längen auf. Im Grossen und Ganzen fair.

Hildburg Wegener, Anna von Gierke, Sozialpädagogin zwischen konservativer Politik und freier Wohlfahrtspflege(2009)

Die Autorin beschreibt sehr detailliert das Leben von Anna von Gierke, die als Tochter des berühmten Rechtshistorikers Otto von Gierke durch Wohltätigkeitsarbeit mehr zufälligerweise zur Sozialarbeit kam. Sie ging vollständig in dieser Tätigkeit auf und wurde zu einer Triebfeder der deutschen Sozialeinrichtungen. Aus diesem segensreichen Wirken wurde sie Anfangs 30er Jahre durch die Arisierung herausgerissen und musste die öffentliche Arbeit fast vollständig niederlegen. Ein wertvolles Zeugnis einer starken Frau, die ohne den Nationalsozialismus noch viel mehr hätte leisten können.

Galsan Tschinag, Die graue Erde (1999)

Autobiografische Erzählung über seine Jugend (genaugenommen das neunte Lebensjahr) in der stalinistischen Mongolei. Der Autor ist Schamane, was im Rahmen der "Modernisierung" mit Gefängnis oder Tod bedroht ist. Die Erzählung endet mit der Lynchung seines grösseren Bruders. Am Anfang weiss man nicht, wohin das Buch will, doch dann gibt es interessante Einblicke in eine Welt, die für immer verschwunden ist. Das Ende ist höchst verwirrlich und wird wohl nur vom Autor selbst verstanden.

René Zeyer, Bank, Banker, Bankrott (2009)

Eine bitterböse, enorm wirklichkeitsnahe und ziemlich glaubhafte Abrechnung mit dem Private Banking. Den Kunden werden marode Fonds angeboten, nur um Provisionen zu schinden. Derivate werden als todsichere Anlagen verkauft. Geld hat für die Banker selbst gar keine Bedeutung mehr, weil sie so viel verdienen, dass sie ständig am neuesten Porsche oder Ferrari herumstudieren. Es wird soviel Insider- und Fachwissen dargelegt, dass alles sehr glaubhaft wirkt. Ob es wirklich stimmt, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber meine Vorbehalte gegenüber den Banken sind damit nicht kleiner geworden.

Henning Mankell, Die Rückkehr des Tanzlehrers (2000)

Ein schwedischer Kommissar, Stefan Lindman, wird soeben mit Krebs diagnostiziert, als sein ehemaliger Vorgesetzter Herbert Molin in einer einsamen Gegend in Zentralschweden ermordet wird. Obwohl er nicht zuständig ist, beginnt er, sich in die Ermittlungen einzumischen und deckt schlussendlich ein grosses Netzwerk von Nationalsozialisten auf, dem sogar sein eigener Vater angehört hat. Spannende, anspruchslose Unterhaltung mit vielen Klischees.

Jean-Claude Badot/Jacques Séguéla, Rund um die Welt im 2CV (1963)

Zwei französische Studenten kaufen einen 2CV und reisen 1958/59 rund um die Welt damit. Es erstaunt enorm, wie zilisiert Afrika damals war. Es gab eine Strasse von Kisangani nach Béni (DRC) und der Kongo wird als die Schweiz Afrikas bezeichnet! Die Studenten werden von ständigen Geldsorgen geplagt. Irgendwie finden sie stets eine Arbeit, mit der sie ihre Weiterreise finanzieren können (heute völlig undenkbar). In Thailand werden sie überfallen, in Pakistan erleiden sie einen schweren Unfall, weil sie auf der falschen Strassenseite fahren und mit einem korrekt fahrenden Bus kollidieren. Trotzdem schaffen sie es zurück bis nach Frankreich. Spannende Reiselektüre.

Hans Vorländer, Demokratie (2003)

Die Geschichte der Demokratie von der griechischen Polisdemokratie bis zu den Demokratieansätzen der EU. Die Geschichte der Demokratie "in a nutshell". Anfangs recht interessant, gegen den Schluss hin zu theoretisch und schwer lesbar.

John Knittel, Via Mala (1932)

Jonas Lauretz ist ein Säufer und Tyrann, der seine Familie aufs Uebelste behandelt. Als seine Tochter Sylvia eine Erbschaft macht, nutzt er die Gelegenheit, dass sie noch unter seiner Vormundschaft steht und behändigt die Erbschaft. Die Familie beschliesst, ihn umzubringen; als Sylvia aus Zürich zurückkommt, ist er bereits begraben. Sylvia heiratet später den Untersuchungsrichter Andreas von Richenau. Die Familie und Sylvia leiden enorm unter der Ungewissheit. Andi, der sonst stets korrekt ist, entscheidet sich, die Sache zu vertuschen. Enorm gut geschrieben, obwohl gewisse Liebesszenen fast weh tun in den Zähnen... es erlaubt einem einen tiefen Einblick in die Schweiz der 1930er Jahre. Enorm realistisch.

Martin Suter, Die dunkle Seite des Mondes (2000)

Blank, ein Fusionsanwalt lernt Lucille, eine junge Frau kennen, die ihn zu einem Pilztrip überredet. Sein Charakter verändert sich komplett und er ermordet Menschen, die ihm im Wege stehen, ohne Reue. Blank wird zum Waldmenschen, der verzweifelt nach dem Pilz sucht, der seinen Charakter verändert hat, um mit einem zweiten Trip dies rückgängig zu machen. Die Geschichte endet mit einem Showdown zwischen dem reichen Financier Ott und Blank, wobei ersterer Blank tötet, weil Blank sein Gewissen wiederreicht hat. Hervorragend geschrieben, mit präzisen, gut recherchierten Details.

Batya Gur, Am Anfang war das Wort (Jerusalem 1991)

Der Universitätsprofessor Scha'ul Tirosch, der für seine Gedichte berühmt ist, und sein Assistent Ido Dudai werden am gleichen Wochenende ermordet. Die Untersuchungen von Inspektor Michael Ochajon bringen zutage, dass irgendetwas mit den Gedichten von Tirosch nicht stimmt. Seine Untersuchungen ergeben, dass diese eigentlich von einem russischen Juden, der in einem Gulag gestorben ist, geschrieben wurden. Spannende, hoch intellektuelle Lektüre.

Imre Kertesz, Ich-ein anderer (2002)

Der Autor beschreibt etwas wirr und schwer nachvollziehbar seine inneren Auseinandersetzungen während seiner Vortragsreisen in Europa. Er beschäftigt sich mit der Frage, was Jüdischsein und was Ungarischsein bedeutet und was einem deshalb unterscheidet oder nicht unterscheidet, wobei er seine Hypothesen aufbaut und gleich wieder verwirft. Anspruchsvoll und schwer zu lesen.

Fürst Felix Jussupoff, Rasputins Ende, Erinnerungen, mit einer Studie von Boris Groys (1928)

Vorab wird von Boris Groys die schillernde Persönlichkeit und sein nach damaligen Erkenntnissen tatsächlich vorhandener Einfluss auf die russische Geschichte thematisiert. Das Vorwort von Klabund enthält weniger Informationen, geht jedoch in die gleiche Richtung, nämlich dass Rasputin keineswegs einen derartig negativen Einfluss auf den Zaren hatte, wie ihm nachgesagt wurde. Die Erinnerungen von Jussupoff scheinen teilweise vom Wunsch beseelt zu sein, seine Version glaubhaft zu machen, wobei einige Unstimmigkeiten auffallen. Jussupoff schleicht sich in das Vertrauen von Rasputin ein, dessen schillerende, faszinierende und von Gegensätzen durchsetzte Persönlichkeit auch ihm Eindruck macht. Er lockt ihn zu seinem Palast (da das Territorium wegen der Zugehörigkeit von Jussupoffs Frau zur Zarenfamilie Immunität geniesst) und ermordet ihn dort bestialisch. Das Buch zeigt einerseits auf, wie man sich eine Tat schönreden kann, andererseits ist ein schönes Beispiel für Verdunkelungshandlungen.

Peter Bamm, Frühe Stätten der Christenheit

Der Titel ist etwas irreführend: Der Autor beschreibt eine Reise (1952-53) Ueberland über Athen, Saloniki, Anatolien, Tarsos, Iskenderun, Aleppo, Krak des Chevaliers, Damaskus, Baghdad, Babylon nach Jerusalem und Sinai. Packend erzählt, mit viel historischer Hintergrundinformationen, es beschreibt eine Welt, die so nicht mehr existiert.

Leo Tolstoi, Die Kreutzer-Sonate/Die Kosaken

Das erste Buch, die Kreutzer-Sonate ist die Geschichte einer zerrütteten Ehe. Posdnyschew, der seine Frau im Affekt erstochen hat, aber freigesprochen worden ist, erzählt auf einer Zugreise wie er sich von ihr entfremdet hat. Das zweite Buch, die Kosaken, erzählt die Geschichte von Mitri Andrejitsch Olenin, ein gelangweilter Adliger, der sich als Offiziersanwärter in ein grebenskisches Kosakendorf am Fluss Terek versetzen lässt. Mit den Tschetschenen von der anderen Flussseite gibt es einige Scharmützel. Olenin verliebt sich in die schöne Marjanka, die Tochter seines Zimmerwirts, die mit Lukascha, einem verwegenen Kosaken verlobt ist. Alles läuft auf einen Showdown zu, doch Lukascha wird in einem Scharmützel schwer verwundet. Meisterhaft geschrieben und viele Einschätzungen gelten auch noch heute.

So lachte man in der DDR, Geschichten

Dieses ursprünglich im Eulenspiegel-Verlag erschienene Taschenbuch enthält Geschichten von DDR-Autoren, die ein recht menschliches Bild des Leben in der DDR, mit ihren übereifrigen Funktionären und der politischen Korrektheit zeichnen. Trotz aller Vorsicht, mit der die Autoren vorgehen mussten, sehr lustig und unterhaltsam.

Bertold Brecht, Kalendergeschichten, Hamburg 1953

Die Geschichten haben die Titel: Der Augsburger Kreidekreis, Ballade von der Judenhure Marie Sanders, Die zwei Söhne, Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus, Das Experiment, Ulm 1952, Der Mantel des Ketzers, Kinderkreuzzug 1939, Cäsar und sein Legionär, Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin, Der Soldat von La Ciotat, Frage eines lesenden Arbeiters, Der verwundete Sokrates, Mein Bruder war ein Flieger, Die unwürdige Greisin, Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration, Geschichten von Herrn Keuner. Die Qualität der Geschichten ist äusserst unterschiedlich, von sehr unterhaltsam erzählten Geschichten bis zu politischer Agitation und Chinoiserie, wozu eigenartigerweise auch die "Geschichten von Herrn Keuner" gehören. Ein Meister im Umsetzen historischen Stoffs in die Gegenwart.

N.O. Scarpi, Anekdoten am Spiess, Zuerich 1963

Keiner konnte Anekdoten so treffend, mit soviel Esprit und so gebildet erzaehlen wie N.O. Scarpi (eigentlich Fritz Bondy). Er kombiniert juedischen Humor mit europaeischen Bonmots, das Resultat ist ein zeitloser Witz, der nie beleidigend wirkt, nie diskriminierend und nie ueberheblich. Als ich ein Kind war, las ich jeweils den Beobachter, den mein Vater abonniert hatte. Stets schlug ich als allererstes die Anekdoten von N.O. Scarpi auf. Nach fuenfzig Jahren sind diese Anekdoten noch genauso amuesant wie damals!

Karlheinz Böhm, ein Mensch für Menschen, ein Lebensbild aufgezeichnet von Erich Schaake, München 1985

Das Buch erzählt das Leben von Karlheinz Böhm, der als Sohn eines berühmten Dirigenten geboren wurde und ohne Hilfe seines Vaters zum berühmten Schauspieler wurde. Wie er von den Sissi-Filmen geprägt und in eine Richtung gedrängt wurde, die ihm nicht behagte und wie ihm nachfolgende Produktionen zum Verhängnis wurden. Schlussendlich, wie er durch die ganz spontane Gründung der Aktion "Menschen für Menschen" aus seiner Midlife-Crisis fand. Wunderbar ungelenk geschrieben, mit vielen grammatischen Fehlern, wie der Aufsatz eines mittelmässigen Sekundarschülers, aber mit vielen, z.T. wohl zweifelhaften, Informationen.

Jan-Sverre Syvertsen, Verschworen, Köln, 2011

Zwei norwegische Botschafter werden ermordet. Kriminalkommissarin Lisa Lunde und Psychologe Sander Mørk ermitteln. Nach viel Alkohol und Bettgeschichten findet Sander heraus, dass es gerade seine Bettgespielin war, die hinter den Morden steckte. Gut und flüssig geschrieben.

Elias Canetti, Die Stimmen von Marrakesch, Muenchen 1968

Elias Canetti beschreibt auf seine eigene Art und Weise, zutiefst menschlich, die Bewohner und Quartiere der Stadt Marrakesch in Marokko. Er besucht auch die Mellah, das juedische Viertel von Marrakesch. Ein ruhiges, beschauliches Buch, das den Bewohnern vom Marrakesch der 60er Jahre ein Denkmal setzt.

Elena Skrjabin, Leningrader Tagebuch, München 1972

Das Tagebuch einer russischen Akademikerin, die aus recht gutsituierten Verhältnissen in Leningrad stammt. Durch die Blockade (die deutsche Armee belagerte Leningrad) wird sie zur Flucht gezwungen, denn es gibt nichts mehr zu essen und die Bombardierungen haben die Gebäude grösstenteils schwer beschädigt. Auf der Flucht nach Sibirien stirbt ihre Mutter. Ihren Sohn Dima, der in einem Lazarett untergebracht war, findet sie durch glücklichen Zufall wieder und die Familie lebt in Pjatigorsk. Die Stadt wird von der vorrückenden deutschen Armee eingenommen. In der neu wiedergefundenen Wirtschaftsfreiheit macht sie ein Café auf, das gut läuft. Als jedoch die Russen wieder vorstossen, muss sie mit ihrer Familie in die Ukraine flüchten. Dort wird sie aufgegriffen und zur Zwangsarbeit in Deutschland verpflichtet. Sie gerät in ein Lager in Polen, von wo aus sie eine Stelle in Bendorf organisiert, die besser als andere Zwangsarbeitsstellen zu sein verspricht. Sie erlebt die Höhen und Tiefen des Zwangsarbeiterlebens, bis die Stadt von den Amerikanern eingenommen wird. Das Buch besticht durch seine unparteiische und objektive Beschreibung der Menschen, die die Autorin auf ihrer Flucht trifft. Das Buch wirft ein völlig neues Licht auf die Kriegsgeschehnisse, die sonst stets auf „böse Deutsche - gute Russen“ reduziert werden. Offenbar gab es auch bei den deutschen Besatzern solche, die menschlich handelten und bei den Russen solche, die ihre Privilegien gnadenlos ausnutzten. Interessant ist es auch zu erfahren, dass diejenigen Zivilpersonen, die nicht evakuiert werden konnten und von den deutschen Linien überrollt wurden, nicht mehr zurück auf die russische Seite konnten, da sie eine harte Bestrafung wegen „Kollaboration mit dem Feind“ erwartete. Ein sehr menschliches und wertvolles Buch, flüssig geschrieben.

Heinrich Böll, Erzählungen (1981)

Kerzen für Maria: Im Nachkriegsdeutschland versucht der Protagonist, selbstgemachte Kerzen zu verkaufen. Damals in Odessa: Ein Soldat schleicht sich aus der Kaserne von Odessa und nimmt an einem Trink- und Essgelage teil. Wanderer, kommst du nach Spa...: Ein schwer versehrter Gymnasiast wird in seinem zum Lazarett umgewandelten Gymnasium eingeliefert. Aufenthalt in X: Ein Soldat im 2. Weltkrieg macht einen Zwischenstopp in der Nähe von Grosswardein (Rumänien). Abenteuer eines Brotbeutels: Ein Brotbeutel gelangt vom Polen des ersten Weltkriegs über Südamerika zurück zur Mutter des gefallenen Soldaten. Aschermittwoch: Die ehemalige grosse Liebe einer Ladeninhaberin borgt sich Geld, weil er arbeits- und mittellos ist. Nicht nur zur Weihnachtszeit. Die Frau eines Geschäftsmannes wird dergestalt geisteskrank, dass sie ausrastet, wenn nicht jeden Abend Weihnachten gefeiert wird. Schicksal einer henkellosen Tasse: Das Leben einer Tasse von Deutschland nach Rom und zurück nach Deutschland. Der Geschmack des Brotes: Im völlig zerbombten Deutschland erbettelt jemand ein Stück Brot von einer Nonne. Doktor Murkes gesammeltes Schweigen: Ein Radiomitarbeiter sammelt Tonbandfetzchen mit gesammeltem Schweigen. Eine Kiste für Kop: Im Nachkriegsdeutschland erhält ein Schwarzmarkthändler eine Kiste Zuckerzangen aus Odessa. Der Bahnhof von Zimpren: Eine deutsche Erdölboomstadt verkommt, nachdem die Erdölvorräte versiegen. Als der Krieg ausbrach: Der Leerlauf in einer deutschen Kaserne 1939. Als der Krieg zu Ende war: Die Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft und der überbordende Schwarzmarkt. Keine Träne um Schmeck: Ein Professor klaut einem Studenten eine Idee, dieser will sich rächen, erst mit Prügel, danach aber mit einer kritischen Retrospektive. Du fährst zu oft nach Heidelberg: Ein Student gefährdet sein Studium durch den Kontakt mit Exchilenen. Die Qualität der Erzählungen ist äusserst unterschiedlich. Einige enthalten komplizierte Situationen, so dass ein Satz mehrmals gelesen werden muss, bis man die Message begreift. Böll schafft es, eine äusserst bedrückende Stimmung aufzubauen und das Grauen des Krieges ohne allzu explizite Beschreibungen darzustellen. Die meisten Geschichten dürften aus der Zeit bis 1945 stammen, die letzte jedoch lässt sich aufgrund der erwähnten politischen Ereignisse in die 1970er Jahre platzieren.

Dale Carnegie, Sorge dich nicht – lebe!, München 2001 (1984)

Mit dem Buch soll eine präzise Anleitung zu sorgloserem und erfolgreicherem Leben vermittelt werden. Dazu werden „Grundsätze“ benutzt, die garantiert zum Erfolg führen sollen: Lerne in Tageseinheiten zu leben; schlimmstmögliche Folgen akzeptieren und versuchen, Schadensminderung zu betreiben; etwas tun (Arbeitstherapie, Beschäftigungstherapie); sich nicht über Nebensächlichkeiten aufregen; Wahrscheinlichkeit, dass die befürchteten Dinge eintreffen, berücksichtigen. Glück komme von innen und habe mit äusseren Umständen nichts zu tun; Geist und Körper seien zu erhalten und zu trainieren. Es gäbe drei Seelenübungen: Jemandem einen Gefallen zu erweisen, ohne dass er es merkt; zwei unangenehme Dinge zu erledigen; erfreulich zu sein, sich nett anziehen, leise zu sprechen, höflich zu sein, oft zu loben, niemanden zu kritisieren, nicht zu nörgeln und nicht zu versuchen, andere zu ermahnen oder zu verbessern. Man solle allein für diesen Tag leben und nicht versuchen, alle Probleme des Lebens auf einmal zu lösen. Man solle sich ein Programm machen und die Zeit genau einteilen. Damit vermeide man Eile und Unentschlossenheit. Man solle sich eine ruhige halbe Stunde gönnen und sich entspannen. Man solle seinen Geist mit Gedanken an Frieden, Mut, Gesundheit und Hoffnung erfüllen, denn unser Leben sei das Produkt unserer Gedanken. Man sollte nie versuchen, mit seinen Feinden abzurechnen. Man solle sich auf Undankbarkeit gefasst machen. Man solle die Geschenke, nicht die Probleme zählen. Man solle niemanden nachmachen, sondern sich selbst sein. Man solle sein Unglück vergessen, indem man andere Menschen etwas glücklicher macht. Ungerechte Kritik sei oft ein verkapptes Lob, denn tote Hunde trete man nicht; Kritik solle man an sich abtropfen lassen; Ueber dumme Sachen, die man gemacht hat, solle man Buch führen und um sachliche Kritik bitten. Man solle Müdigkeit und Sorgen fernhalten und voll Energie und in gehobener Stimmung bleiben, indem man ausruht, ehe man müde wird; sich bei der Arbeit oder zuhause entspannt; alle Papiere wegräumt, die nicht zur augenblicklichen Arbeit gehören, Dinge in der Reihenfolge der Wichtigkeit erledigt und Probleme sofort löst, wenn die Entscheidungsgrundlagen feststehen; organisiert, delegiert, beaufsichtigt und selbst belanglose Arbeit mit Begeisterung verrichtet.
Das Buch erscheint im Stile eines Reader’s Digest Ratgebers, nämlich marktschreierisch, besserwisserisch, rechthaberisch, mit dem Anspruch, die alleinige Wahrheit darzustellen. Das stetige „namedropping“ von Namen, die in Europa völlig unbekannt sind, nervt. Einige Punkte mögen gut sein, viele sind naheliegend, banal und offensichtlich, einige so amerikanisch, dass eine Uebertragung auf europäische Verhältnisse ausgeschlossen scheint. Grundsätzlich wird nämlich von den Verhältnissen eines mittelständischen amerikanischen Selbständigerwerbenden ausgegangen, nicht von denen eines europäischen Arbeitnehmers; viele der erwähnten Grundsätze sind unter anderen Voraussetzungen nicht mehr praktikabel. Die Abhandlung erscheint unwissenschaftlich; vieles wird vom Hörensagen zitiert, echte Quellenzitate sind selten. Einige der (möglicherweise korrekt zitierten) Aussagen dürften nicht der Wahrheit entsprechen. Das Skript zum Buch stammt aus den 1940er Jahren (es erschien erstmals 1948) und ist nicht mehr zeitgemäss. Die wenig lehrreichen „Testimonials“ am Ende erscheinen wie eine Mischung von Selbstkritiken anonymer Alkoholiker und Mitgliedern evangelikaler Clappy-Clappy Kirchen. Die Uebersetzung aus dem Englischen ist grottenschlecht und der Sinn mancher Sätze erschliesst sich erst bei der Rückübersetzung.

Gabriel Garcia Marquez, Leben um davon zu erzählen (vivir para contarla)

Eine Autobiografie der Jugend des bekannten kolumbianischen Autors. Seine Jugend in der Region von Cartagena und Aracataca, seine Gymnasialzeit in Zipaquira. Weiter geht es mit dem wenig ernsthaften Jura-Studium in Bogota, der Revolution des 9. April 1948 und seiner Flucht nach Baranquilla, seinem Leben als Zeitungsreporter in Cartagena, Baranquilla und zurück in Bogota. Wir erleben seine zahlreichen Exzesse, hunderte von Namen von Leuten, die er getroffen hat (wie konnte er sich alle diese komplizierten Namen merken?), den Glauben an sein Talent, den alle, die mit ihm zu tun hatten, äusserten. Es endet mit seiner Flucht nach Genf, als er wegen eines Artikels über einen geretteten Matrosen in ernsthafte politische Schwierigkeiten gerät. Meisterhaft geschrieben, spannend wie ein Thriller, was erstaunt, da das Buch kaum gegliedert ist und weder Untertitel noch Absätze aufweist.

Roger Willemsen, Die Enden der Welt

Der Autor beschreibt verschiedene Stationen von Reisen, die ihn offenbar rund um die Welt führten. Während des Lesens schrieb ich: "Seine Sprache ist ausschweifend und gefüllt mit Worthülsen, offenbar unumgänglich um Trends zu markieren. Das Buch hat mit Parallelen zu einem Microsoft-Programm: Es benötigt enorm viel Platz, um schlussendlich einen winzigen Teil Inhalt hinüberzubringen.". Nachdem ich einen Reisefilm auf Phoenix nur gehört hatte (ich war am Abwaschen und konnte nicht hinsehen) wurde mir klar, dass der Autor hier eigentlich einen Off-Kommentar zu einem inneren Film abgibt. Interessant ist, dass seine Geschichten gegen den Schluss des Buches hin wesentlich substanzierter werden. Sie lassen jedoch stets einen weiten Raum für Interpretation, ob es sich um eine Innenschau oder wirklich Erlebtes handle.

Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, wie wir unser Land aufs Spiel setzen, Berlin 2010

Der Autor legt vorerst anhand von umfangreichen statistischen Daten dar, dass die deutsche Wohnbevölkerung einem Trend zur dramatischen Abnahme unterlegen ist, während sich die Immigranten, die sich v.A. aus arabischen und türkischen Einwanderern (vom Autor generell und vielleicht weder völlig zutreffend noch geschickt als „muslimische Immigranten“ bezeichnet) rekrutieren, mit den gleichen Zuwachsraten wie in ihren Heimatländern vermehren. Weiter beklagt er, dass sich die bildungsfernen Schichten wesentlich stärker als die bildungsnahen Schichten vermehrten, weshalb eine Verdummung der Nation eintrete, welche schlussendlich darin gipfeln werde, dass Deutschland seinen Rang als erstklassige Technologienation in der Welt verlieren werde. Weiter beklagt der Autor, dass das deutsche Wohlfahrtsystem diejenigen Einwanderer anlocke, die an möglichst hohen Transferzahlungen interessiert sind, ohne arbeiten zu wollen. Das System setze die Einkommensgrenze, ab welcher ein Immigrant zur Arbeit bereit sei, unnötig hoch hinauf und belohne kinderreiche Immigrantenfamilien mit „Sparquoten“, da für Kinder mehr Transfergelder bezahlt würden, als minimal dafür aufgewendet werden müsse. Bezüger von Transfergeldern hätten keinerlei Anlass, sich aus diesem System wieder zu befreien, da ein komfortables, im Vergleich zum Heimatland sogar luxuriöses Leben möglich sei, ohne dass die geringste Eigenleistung erbracht werden müsse. Dies locke immer mehr Immigranten aus muslimischen Ländern an, so dass die Bundesrepublik Deutschland drohe, ein islamisches Land mit vorwiegend arabischer und türkischer Bevölkerung zu werden. Der Autor argumentiert scharf und belegt seine Aussagen mit Statistiken und Quellenangaben, so dass die oft gehörte Kritik, es handle sich um eine pseudowissenschaftliche Abhandlung, an der Sache vorbeigeht. Seine Wortwahl ist wohl unnötig deutlich. Seine Annahme, dass die Mehrzahl der von ihm beschriebenen Wirtschaftsflüchtlinge aus muslimischen Ländern kämen, ist wohl eine der wenigen Aussagen in seinem Buch, die er nicht weiter belegen kann. Bei der Analyse der Ursachen für die rückläufige Geburtenrate der Deutschen ist anzumerken, dass der Autor die Problematik der gescheiterten Ehen völlig ausklammert. Im jetzigen System sind Kinder ein Armutsrisiko für Männer, weil diese beim Scheitern der Ehe (und das dürfte doch in rund der Hälfte aller Ehen vorkommen) in aller Regel auf das Existenzminimum gesetzt werden, während die Ehefrau das Sorgerecht für die Kinder erhält und den bisherigen Lebensstandard beibehält. Bei nichterwerbstätigen Männern zeitigt die Ehescheidung keinerlei finanziellen Folgen. Eine Aenderung dieser Praxis hätte wohl einen weitreichenden Einfluss auf Bevölkerungszuwachsrate in Deutschland. Grundsätzlich gelten die von Sarrazin gemachten Aussagen auch für die Schweiz, teilweise sogar in vermehrtem Ausmasse, da die Schweiz einen weit höheren Einwandereranteil als Deutschland hat, wenngleich sie hierzulande teilweise besser integriert sind. Es wäre völlig verfehlt, den Autor aufgrund seines Buches in die rechte Ecke abzudrängen. Seine Sorge um den Intellekt und die Eigenheit der Deutschen ist wohl durchaus berechtigt. Eigentlich spricht er nur das aus, was offensichtlich ist und zeigt Missstände auf, anstatt sie totzuschweigen. Es ist ein typischer Auswuchs unserer heutigen Gesellschaft, dass die politische Korrektheit bis zur völligen Selbstaufgabe gehen soll. Die Verkaufszahlen zeigen, dass das Buch nötig gewesen ist und ich zweifle, dass diejenigen, die das Buch kritisieren, es auch gelesen haben. Dieses politisch so inkorrekte Buch hat eine spannende Diskussion angeregt, die ohne es wohl gar nie stattgefunden hätte und die noch über viele Jahre weitergehen wird.